Die Woche Nr.12 vom 14.03.1997
Goldener SchnittLustvoller; ausdauernder; appetitlicher: Im Cutting Club tauschen Männer Erfahrungen mit dem kleinen Schnitt im Schritt aus!Das Erlebnis war einschneidend, obwohl Maurice Holzapfel nicht viel davon mitbekommen hatte. Mit dem Walkman auf dem Kopf und örtlicher Betäubung am Unterleib war nach einer halben Stunde beim Urologen alles vorbei: Der Bürokaufmann hatte sich ohne Not, etwa die einer Vorhautverengung, beschneiden lassen. Seit seinem Wagnis predigt Holzapfel die Freuden der Zirkumzision: "Unbeschnittene verpassen einiges. Die Vorhaut ist einfach überflüssig." Anderswo hat der kleine Eingriff Tradition.Aus religiösen Gründen werden jüdische Jungs bis zum achten Tag nach der Geburt, moslemische Knaben vor dem 13. Geburtstag beschnitten. In den USA ist die Beschneidung von männlichen Babys aus hygienischen, präventiven und ästhetischen Gründen üblich. In Deutschland galt Beschneidung hingegen noch als unappetitlich. Dabei wäre nach Auskunft von Ärzten wenn überhaupt eher das Gegenteil zutreffend. Holzapfel hat mit einigen Getreuen in der westfälischen Kleinstadt Dinslaken einen Cutting Club aufgebaut. Rund 500 homosexuelle Männer tauschen hier ihre Erfahrungen aus und treffen sich einmal im Jahr zu einer Party. Einzige Zugangsvoraussetzung der Schwulengemeinschaft, die kein Sex-Club sein will: Man muß beschnitten sein. Das Thema sei jedoch keineswegs mehr auf die traditionell experimentierfreudigere Schwulenszene begrenzt, erklärt Holzapfel: "Immer mehr Heterosexuelle erkundigen sich bei uns." Auch das Magazin "Men's Health" stellte jüngst die Operation Vorhaut ihren Lesern als "letztes Abenteuer für den Mann" vor, will heißen: für den Hetero. Schon verteilen die Beschneidungsfans Flyer in Discotheken und beantworten in der Aufklärungsstelle Info-Circ kostenlos Fragen. Erklärungsbedarf ist genug da: Wann ist nach der Operation wieder Sex möglich? Frühestens nach acht Tagen. Muß man sich neue Onanietechniken ausdenken? Ja, aber die seien vielfältiger. Hat man ein Problem, wenn man, eben erst operiert, mit der sogenannten Morgenlatte aufwacht? Nein, es tut nur weh und zur Vermeidung empfiehlt es sich, etwa um vier Uhr früh zur Toilette zu gehen. Ist die Vorhaut bei Nichtgefallen wieder anzubringen? Durch eine Operation jedenfalls nicht, wie der Hamburger Urologe Hartmut Porst erläutert, sondern eventuell durch tägliches Dehnen der verbliebenen Vorhaut "über zehn bis zwölf Stunden." Weshalb der Professor die Methode für "kaum praktikabel" hält. Dabei will Holzapfel "keine einzige negative Rückmeldung" von Männern bekommen haben, die das "Vorher-Nachher" kennen. Auch die Frauen sähen Vorteile: Beschnittene seien "einfach appetitlicher." Daß Frauen sich verstärkt des Themas annehmen, vermeldet auch Info-Circ: "Viele fragen uns verzweifelt: Wie kann ich meinem Mann verklickern, daß er sich beschneiden lassen soll, ohne dass er sich auf den Schwanz getreten fühlt?" Schon 1985 hatte die stets dem weiblichen Lustgewinn verpflichtete Frauenzeitschrift "Cosmopolitan" - damals noch folgenlos - verkündet: "Beschneidung beschert Mann und Frau mehr Freude an der Liebe." Denn nicht stumpfer sei die bloßgelegte Eichel, sondern ganz einfach weniger nervös. Und der beschnittene Mann somit untenherum nicht nur erfreulich sauber, sondern auch erheblich standfester. Und weiter: "Die Beschneidung wird heute von wohlmeinenden Ärzten auch als Orgasmus-Pflege empfohlen: ein Mittel gegen den vorzeitigen Samenerguß, ein Opfer für die Frauen, die ihr Recht auf den Höhepunkt entdeckt haben." Diese "wohlmeinenden Ärzte" verstecken sich allerdings gut. Etablierte Mediziner räumen zwar ein, daß die Rate an Penis- und Gebärmutterkrebs in Ländern mit beschnittener männlicher Bevölkerung tatsächlich signifikant niedriger sei als bei unbeschnittenen Männern. Aber Professoren wie der Dürener Urologe Peter Rathert, der an einem Buch über Beschneidung recherchiert, warnen auch vor gewissen Risiken: "2 Prozent haben stärkere Nachblutungen, 5 Prozent Wundheilungsstörungen. In Deutschland gab es 250 000 Mark Schmerzensgeld für einen verstümmelten Penis. In den USA existieren Gruppen, die wegen wiederkehrender Traumata gegen die Zwangsbeschneidung von Kindern protestieren. Das ist die andere Seite. Aber ein dringendes psychologisches Bedürfnis nach Entfernung der Vorhaut ist für mich so gut wie eine medizinische Indikation." Das sieht beileibe nicht jeder Kollege so. Nur "jeder zweite deutsche Urologen - Chefarzt" plädiert laut Rathert für die Operation. Dies sei der "entscheidende Grund für die Gründung des Cutting Club gewesen", sagt Holzapfel: "Interessenten werden von deutschen Medizinern selten gut beraten, auch ich wurde mehrmals abgewiesen. Vielleicht auch, weil die rund 400 Mark teure Operation nicht lukrativ genug ist. Viele Ärzte halten Beschneidung noch für eine sinnlose Verstümmelung oder trennen nur einen Teil der Vorhaut ab. Das ist sinnlos. Wir vermitteln Urologen, die fortschrittlich denken, aber die wollen nicht an die Öffentlichkeit", berichtet Holzapfel. Deswegen gehen viele zu türkischen oder iranischen Ärzten, die weniger Manschetten und mehr Praxis haben. Der Berliner Urologe Mohammed Heydari (53) hat über 3000 Beschneidungen vorgenommen. "Die Tendenz, daß Leute aus Gründen der Eitelkeit oder der Lust kommen, nimmt zu. Daß sie danach besser lieben, kann ich allerdings keinem versprechen." |